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Realität, Wirklichkeit und Traum

Was ist Traum Was ist Wirklichkeit Nicht immer leicht dies zu trennen

Die Geschichte beginnt mit einem Traum im Traum, der plausibel genug ist, um im Moment der Einsicht zu verblüffen. Nichts in dieser Traumwelt ist ausreichend irreal, um nicht akzeptiert werden zu können. Christopher Nolan legt hier bereits mehrere Fährten als Hinweise darauf, dass sich Traumgeschehen und Realität nur schwer unterscheiden lassen, dass Träume manipulierbar sind und dass dieser Film in ein Labyrinth führt. Gleichzeitig werden dem Publikum die wichtigsten Protagonisten präsentiert, neben Extractor Cobb (Leonardo DiCaprio) sind das vor allem Arthur (Joseph Gordon-Levitt) sowie Cobbs verstorbene Frau Mal (Marion Cotillard).

Wiederkehrende Motive, die dem Zuschauer – wie auch den Protagonisten – ermöglichen sollen, sich im Labyrinth zurechtzufinden, tauchen bereits früh auf: Totems, Kicks, ein Ehering sowie Édith Piafs „Non, je ne regrette rien“. Bedrohliche Motive wiederholen sich ebenfalls; so ist alles durch Mal Verursachte zunächst unverstanden bedrohlich, während später klar wird, dass die Gefahr durch projizierte Schuld heraufbeschworen wird.

Das Konzept der verschachtelten Träume, das die Handelnden scheinbar souverän meistern, erschließt sich spätestens beim zweiten Ansehen des Films. Psychologisch folgerichtig wird der junge Fischer (Cillian Murphy) quasi umgedreht und zum Handlanger seiner eigenen Neuprogrammierung gemacht. Dass Fischers Projektionen die Eindringlinge abwehren und Mal wiederholt eingreift, um Cobbs Absicht zu vereiteln, sind Notwendigkeiten, die sich aus dem Zusammenhang ergeben. Eigentlich sind hier zwei Handlungsstränge miteinander verwoben: der in Robert Fischers Unterbewusstsein führende Auftrag Saitos sowie Cobbs Schuld am Tod seiner Frau. Unterhalb dessen verbirgt sich freilich noch mehr.

In dem Moment, als Cobb seiner Projektion Mals gesteht, dass die reale Mal wegen einer Inception zur Selbstmörderin wurde, „stirbt“ sie. Er ist somit frei von der Verkörperung seiner Schuld. Mal und Cobb hatten den Limbus mit ihren Erinnerungsbildern gefüllt, ihn zu einer Welt aus Glas, Stahl und Beton gestaltet, in der ihnen nur die Projektionen ihrer Kinder Gesellschaft leisteten. Nach dem Ende der Projektion Mals kehrt der Limbus wieder zum ungeformten Zustand zurück. Nun wird er durch Erinnerungen Saitos geprägt, an dessen Strand Cobb angespült wird. Er überzeugt den Japaner von der Notwendigkeit, sich wieder in die reale Welt zu begeben.

Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg, den der Regisseur seine Figuren gehen lässt. Die Aufgabe, so klar sie ist, treibt das Personal über seine Grenzen hinaus: Cobb muss über seinen eigenen Schatten springen, der selbstbezogene Eames (Tom Hardy) für die Gruppe aktiv werden, der vorsichtige Arthur Kreativität entwickeln. Jeder der Protagonisten hat eigene Erfahrungen hinter sich zu bringen – außer Mal, denn sie ist eine Projektion. Der Film ist sehr auf den Hauptdarsteller zugeschnitten, da der aber überzeugend agiert, geht Nolans Rechnung auf.

So bildgewaltig dieser Actionfilm ist, so konstruiert die Geschichte auch sein mag – den eigentlichen Nachhall und das Grauen darin lösen Kleinigkeiten aus, die der Zuschauer mit seinem eigenen Erfahrungshintergrund oder seinen Selbstzweifeln verknüpft. Am Ende wird Cobb in die USA einreisen dürfen, er wird seine Kinder wiedersehen und durch das Haus gehen, das wir bereits vom Limbus kennen. Er trägt keinen Ehering mehr, denn er ist nicht länger an Mal und die mit ihr verknüpfte Schuld gebunden. Mals Totem, der kleine Kreisel, wird zum Spielzeug auf dem Küchentisch.

Sind nicht diese letzten Szenen vielleicht nur eine Neugestaltung des Limbus‘? Ist das Labyrinth eventuell tiefer, als Nolan sein Publikum glauben machen möchte? In der Realität fällt ein Kreisel irgendwann um. Aber Wirklichkeit ist nicht Realität, sondern eine Frage persönlicher Entscheidung.